Kitzbühel mit Schnee bedeckt

03.10.2023 | KITZBÜHEL Magazin

Lieblingsplatz in Kitzbühel: das Siegertreppchen

Beide haben Geschichte in Kitzbühel geschrieben: Der Italiener Kristian Ghedina im Jahr 2004, als er bei der Abfahrt mit 140 km/h eine Grätsche im Zielsprung vollführte. Der Schweizer Didier Cuche ist mit fünf Siegen (1998, 2008, 2010, 2011, 2012) der Rekordhalter der Streif. Viele Jahre sind seit Ende ihrer Skirennkarrieren vergangen. Doch beide kehren immer wieder gerne nach Kitzbühel zurück und lassen ihre Erlebnisse Revue passieren. Am liebsten natürlich auf Skiern. In den Gondeln, auf den Liften, beim Einkehrschwung und an besonderen Plätzen haben wir Zeit zum Plaudern mit ihnen gefunden.

Was ist für euch so besonders am Kitzbüheler Skigebiet?

Ghedina: Ich war schon des Öfteren hier zum Skifahren. Mir gefällt es, weil es ein großes Skigebiet ist. Jedes Mal fährt man hier über eine neue Piste. Ich habe gesehen, dass es auch viele neue Lifte gibt. Die sind sehr schön. Ich glaube, das ist euer Logo, oder? Das Schwarz und das Rot mit der Gams? Das ist überall. Anfangs, also früher, da ich noch öfter in Kitzbühel war, waren die Lifte nicht so. Da hat sich viel verändert. Es gibt auch viele Sessellifte mit 6 oder 8 Sitzplätzen. Es ist einfach ein schönes Skigebiet, finde ich.

Cuche:Ja, Kristian. Du hast gesagt, du warst 1990 das erste Mal in Kitzbühel. Ich war 1996 das erste Mal hier. Das sind bald 30 Jahre. Da hat sich schon viel verändert. Jedenfalls zum Positiven.

Ghedina:Ja, grad noch ein Beispiel: Das ist echt lustig. Bei meiner ersten Streif-Abfahrt kannte ich ein Starthaus. Dann wurde ein neues gebaut und jetzt komme ich heute wieder her und sehe wieder ein neues Starthaus, das sie ganz neu vor ca. drei Jahren gebaut haben. Alles wieder neu: drei Starthäuser, die ich bis jetzt hier gesehen habe.

 

Wartet ihr bei der Hahnenkammbahn immer auf eure eigene Gondel?

Cuche: Nein. (lacht) Aber heute haben wir nur um drei oder vier Gondeln meine verpasst.

Ghedina: Ja, wir hätten aber auch noch ein paar Gondeln warten können. Wir sind in die Gondel mit der Nummer 87 gestiegen. Also genau zwischen unseren Gondeln: Cuche mit der Nummer 83 und meine mit der Nummer 90.

Cuche: Bei meinem letzten Rennen, im Jahr 2012, war es Zufall. Als ich beim Einstieg stand, war meine Gondel die nächste. Ich habe auf sie gewartet und bin mit ihr hochgefahren. Ich hatte das als Glückszeichen für mein letztes Rennen gesehen. Und so war es dann auch. Es ist natürlich eine besondere Ehre, wenn man mit der eigenen Gondel fahren darf.

Ghedina: Ja, das stimmt. Aber leider steht in meiner Gondel nur ein Sieg. Wenn du in die Gondel von Didier einsteigst, stehen hier viele Siege geschrieben (lacht). Vielleicht soll ich nochmal meine Ski nehmen und wieder fahren.

Wie oft kommt ihr nach Kitzbühel – abgesehen vom Hahnenkamm-Rennwochenende?

Ghedina: Im Sommer war ich einmal zum Tennisturnier eingeladen. Das war sehr schön. Vor ungefähr 25 Jahren fuhr ich im Sommer mit meinem privaten Auto ganz nach oben zum Hahnenkamm-Start. Ich musste viele Straßen probieren, weil ich unbedingt zum Start kommen wollte. Und irgendwie bin dann auch hingekommen. Das war lustig. Im Winter war ich ein paar Mal hier. Gerade hier, an der Diagonale vor dem Zielschuss denke ich mir, dass es unglaublich ist, wie die Athleten das machen. Wie kann man mit so hoher Geschwindigkeit diese Piste hinunterfahren? Ich bin sie ja auch gefahren und habe sogar gewonnen. Aber heute muss ich echt sagen: ‚Diese Athleten, die spinnen! Das ist unglaublich!‘ Es ist einfach schwierig und etwas anderes, wenn man hier steht und sich die Strecke ansieht, als wenn man als Athlet dort runterfährt.

Cuche: Bei mir sind es jetzt über elf Jahre, dass ich hier nicht mehr gefahren bin. Da merkt man, was es alles braucht, um diesen Berg runterzufahren und dann vielleicht auch noch schnell zu fahren. Also ganz allgemein, die ganze Vorbereitung über das ganze Jahr. Wir sind noch fit, aber das ist nicht mehr zu vergleichen mit damals. Es ist beeindruckend, wenn man da so nah an der Strecke steht. Auch bei den Trainingsfahrten ist es ein enormes Erlebnis, wenn die da durchflitzen. Ja, es ist faszinierend – obwohl wir hier ja auch gefahren sind.

Zurück zur Frage: Ich war 2015 im Sommer mit meiner Frau hier. Sie war gerade schwanger. Wir gingen auf die Ellmauer Halt, den höchsten Punkt am Wilden Kaiser. Wir waren auch viel mit dem Mountainbike unterwegs. Das war alles sehr, sehr schön und gemütlich. Diese Region bietet wirklich viel.

Also würdet ihr euch heute nicht mehr trauen, das Rennen bei der Hahnenkammabfahrt zu bestreiten?
Cuche: Hmmm. Mit null Training und null Vorbereitung nicht. Aber nach einem Sommer mit Training und mit dosiertem Risiko im Rennen – dann vielleicht schon. Aber das macht keinen Sinn.

Ghedina: Ja, du kannst schon ein bisschen Hocke fahren, ein bisschen flach. Aber maximal bis zum Mittelteil, bis zur Seidlalm – dann, nach der Seidlalm, würde es ein bisschen schwieriger werden, da noch ganz runterzufahren (lacht).

 

Habt ihr einen Lieblingsplatz hier in Kitzbühel?

Cuche: Ja, ganz oben auf dem Siegerturm. Da ist es definitiv am schönsten – mit 25.000 Leuten, die dir zujubeln. Oder?

Ghedina: Haha, ja eindeutig.

Kitzbühel ist für die legendären Partys während der Hahnenkamm-Rennen bekannt. Hat man euch in eurer aktiven Zeit bei der ein oder anderen Party angetroffen?

Cuche: Ja, aber erst nach dem Rennen. Vor dem Rennen habe ich immer gesagt – und das habe ich auch anderen Athleten gesagt, auch der nächsten Generation, dass man im Dorf einfach ein bisschen diese verrückte, spezielle Stimmung schnuppern und diese vielen Leute erleben muss. Es genügt ein Spaziergang durch die Stadt – unbemerkt durch die Menge, die Gäste, die Stände. So kann man auch Motivation tanken – mit so einer Wahnsinns-Stimmung in der Stadt.

Ghedina: Ich habe das nie gemacht. Weder vor dem Rennen noch nach dem Rennen – ich war noch nie in meinem ganzen Leben im Londoner, so wie Daron Rahlves oder Luc Alphand. Ich mag kein Bier und trinke keinen Wein.

Cuche: Du kannst ja auch Wasser trinken.

Ghedina: Haha, nein, mit Wasser kannst du keine Party machen (lacht). Meine Freunde und mein Fanclub sind ein paar Mal hergekommen und die haben sehr viel gefeiert – schon die Tage vor dem Rennen. Als ich gewonnen hatte, erzählten mir meine Freunde nach dem Rennen, dass sie das Rennen gar nicht gesehen hätten, weil sie am Tag davor so viel getrunken haben, dass sie erst am Abend mitbekommen hatten, dass ich der Sieger war. Viele Male bin ich die Kombination gefahren und da kann ich nicht am Abend feiern und am nächsten Tag ein Rennen fahren. Generell, wenn ich feiere, muss ich wissen, dass ich danach fünf bis sechs Tage frei habe. In Kitzbühel geht das nicht. Da fährst du danach gleich nach Garmisch. Als Athlet muss man diszipliniert sein.

Cuche: So genau habe ich es in Kitzbühel nicht genommen, wie Kristian. 1996, nach meiner allerersten Streif-Abfahrt, bin ich mit Dani Mahrer, der hier 1989 gewonnen hat, ins Londoner gegangen und ich dachte: „Wow – was ist das für eine wilde Party?“ Aber es war auch eine dezente Party – wild, aber dezent. Okay, das ist widersprüchlich – wild, aber dezent – aber zumindest was den Alkohol anbelangt. Ein Besuch im Londoner wurde für mich dann fast zur Tradition. Ich hab‘ mir immer gedacht: „Okay, wenn du nach Kitzbühel gesund bist, dann musst du das auch ein bisschen genießen. Egal, ob du schnell bist oder nicht so schnell.“ Ab 1998 ging ich fast jedes Jahr nach dem Rennen noch ins Londoner. Das war die eine Ausnahmeparty im Winter. Sonst stimme ich da Kristian zu, der Winter lässt das sonst nicht zu.

Wenn ihr heute die Rennen besucht – wie fühlt es sich als Zuschauer, im Gegensatz zu damals, als Rennläufer, an?

Ghedina: Es ist immer schön hier. Kitzbühel ist einfach eine Party. Bis vor drei, vier Jahren hatte ich noch große Lust zum Fahren. Als ich aufgehört hatte, war ich 36 Jahre alt. Ich war damals der Älteste. Alle Leute hatten mir gesagt, dass ich zu alt sei. Und so hörte ich auf, weil ich eben der älteste Skifahrer war. Aber jetzt, wenn ich daran denke… Nun ja, ich hätte immer noch viel Lust. Noch viele Jahre nach meinem Karriereende habe ich immer gesagt, dass ich zu früh aufgehört habe. In meinem Kopf wollte ich immer wieder anfangen. (lacht) Ein Comeback. Aber seit drei, vier Jahren spüre ich, dass mein Körper das nicht mehr kann.

Cuche: Das ist aber lang gegangen, bis du so weit warst, dass du eingesehen hast, dass du nicht mehr fahren kannst. (lacht)

Ghedina: Ja, aber dann habe ich Johan Clarey gesehen, der mit 42 Jahren noch einen Podestplatz gemacht hat.

Cuche: Ja, aber Johan Clarey ist 42. Vor vier Jahren warst du schon Anfang 50, oder?

Ghedina: Haha. Ja, aber erst mit 50 habe meine Meinung geändert.

Cuche: Ich habe schon immer gewusst, dass Kristian Ghedina ein Verrückter ist.

Ghedina: Na, aber es ist immer schön hierherzukommen. Diese große Party, dieses große Fest – alles ist perfekt organisiert.

Cuche: Ja, Kitzbühel bietet sehr viel. Seit ich aufgehört habe, bin ich viel mit Partnern und Kunden von Partnern unterwegs. Ein bisschen überall, aber auch im VIP-Bereich. Ein Ort, an den man als Athlet praktisch nie hinkommt. Jetzt ist es aber auch zur Tradition geworden, dass die Sieger am Samstag dort präsentiert werden. Das ist eine tolle Sache: für die Athleten, aber auch für den ganzen VIP-Bereich. Das ist eine On-Top-Sache. Kitzbühel bietet alles – für die VIPs, aber auch für jedermann, der zum Zuschauen herkommt, um dieses festliche Ambiente zu genießen. Ich denke, Kitzbühel darf sich glücklich schätzen, dass alles so ist wie es ist. Der Berg – so ein verrückter Berg, der da bis ins Dorf runtergeht. Bahnlinie, Straßen – alles, was es braucht, um ein Fest mit durchschnittlich 60.000 Leuten zu feiern. Schön, mal die andere Seite von dem ganzen Sport zu sehen. Wenn man aktiv ist, hat man das Gefühl, dass die Skirennen der Grund sind, um das ganze Drumherum zu organisieren. Was mich jedoch als Athlet immer überrascht hat, war, dass die VIP-Tribüne schon nach der Nummer 30 leer war. Das Spektakel ging ja noch weiter! Aber jetzt weiß ich, dass es am Timing vom ganzen Programm und der Verpflegung im VIP-Bereich liegt. Dann kommt ja noch das Charity-Race. Eine tolle Idee übrigens – ein Charity-Rennen in diesem Zuge zu organisieren. Das ist immer eine Spende für die Bergbauern oder die Bauern, die in Not sind. Hier wird einfach alles on top geboten.

Gibt es Dinge, die ihr an eurer Profi-Karriere vermisst?

Cuche: Also, Kristian hat gesagt, dass er es quasi bereut hat, so früh aufgehört zu haben. Ich habe eine gesunde Wehmut, wenn ich Skirennen anschaue. Ich denke, es war ein hartes, sportliches Leben, aber es war richtig cool. Wenn es nicht lief, war es sowieso härter, aber man hatte immer Rennen, die aufgegangen sind. Ich habe nie bereut, dass ich aufgehört habe. Ich war 38, als ich aufgehört habe. Und ich wusste, dass ich für weitere ein bis zwei Jahre an der Spitze mitfahren könnte. Aber für mich war der Moment richtig zum Aufhören. Es ist immer schön, wenn man ohne Verletzung, mit Erfolg aufhören kann und wenn die Entscheidung dafür so spontan passiert. Aber ob ich was vermisse? Ja, die Stimmung in der Mannschaft, das Zusammenkommen verschiedener Länder und verschiedener Athleten. Ich hatte immer wieder Affinitäten mit verschiedenen Athleten – intern im Schweizer Team, aber auch international. Ich durfte tolle Menschen kennenlernen, nicht nur Athleten, auch Trainer, Serviceleute und Organisatoren. Man kennt überall ein, zwei Gesichter, die über so viele Jahre dabei sind. Ja, es war ein cooles Leben, man vermisst es auch hin und wieder, aber es ist so, und ich habe nie bereut, aufgehört zu haben.

Ghedina: Am meisten vermisst habe ich die Rennen und das Renngefühl. Als ich aufgehört habe, bin ich danach noch fünf bis sechs Jahre Autorennen gefahren. Dann bin ich viel Motorrad gefahren. Jetzt fahre ich mit Hochgeschwindigkeits-Motorbooten. Ich brauche dieses Adrenalin, ich brauche Motivation.
Noch eine lustige Geschichte dazu: Einmal, bei einer Kombination hier in Kitzbühel, bin ich nach der Abfahrt ausgeschieden. Dann habe ich meine Sachen ins Auto gepackt und habe gesagt, dass ich den zweiten Durchgang vom Slalom zuhause anschauen möchte. Es war niemand auf der Straße, also bin ich voll gefahren. Da war ich in 1:40 Stunde von Kitzbühel in Cortina. Das war Rekord! (lacht) Und den zweiten Lauf schaute ich wirklich von zuhause aus an.

Cuche: Also ich vermisse das Adrenalin nicht so. Ich bin auch zwei Jahre Autorennen gefahren, mit Audi auf der Rennstrecke. Das war echt cool und das war auch gut, um sich sozusagen von den Rennen abzugewöhnen. Aber dann war es gut. Ich merke auch jetzt, dass ich kein Adrenalin brauche.

Hättet ihr heute nochmals die Chance, als junge Athleten zu starten – würdet ihr etwas anders machen?

Ghedina: Generell – ja, vielleicht könnte ich ein bisschen professioneller sein. Ich hatte damals ein bisschen Pech mit meinem privaten Autounfall. Ich habe dadurch vier Jahre „verloren“. Also nicht verloren, aber ich hatte vier Jahre lang Probleme, wieder auf das Podest zu kommen.

Wenn du in Führung bist und sehr berühmt bist, wirst du oft zu allen möglichen Events eingeladen. Du musst wählen, wo es richtig und wichtig ist hinzugehen und wo du nicht hingehen musst, um die Zeit stattdessen fürs Training zu nützen. Als Profi hat man viele Termine – das hat natürlich auch mit Geld zu tun. Wenn du da überall hingehst, verdienst du zwar Geld, aber du verlierst auch einen Tag Training. Man denkt sich dann immer, dass man das schon nachholen wird und Konditionstraining macht. In Wirklichkeit verlierst du einen Tag Training. Ich bereue ein bisschen, dass ich den Terminen mehr Interesse geschenkt habe als meinem Training. Es ist schwierig, hier einen guten Weg zu finden und zu entscheiden, wo du hingehst und was du machen sollst. Man ist jung, und es wäre oft besser, man hätte jemanden, der einem diese Entscheidungen abnimmt. Ich hatte einen Manager. Aber Manager verdienen Geld mit dir und die sagen dir: „Ja, wir gehen da hin.“ Aber du verlierst gleichzeitig Training und fällst zurück. Wenn ich könnte, würde ich das heute anders machen und mehr für die Kondition trainieren. Die letzten fünf bis sechs Jahre im Profisport habe ich zu meinem Skiverband gesagt, dass wir im Sommer ein bisschen mehr zusammenarbeiten müssten. Wenn du Erfahrung im Skiweltcup hast, ist es besser, wenn du mehr und richtig Konditionstraining machst als Skizufahren. Im Sommer, wenn du auf die Gletscher fährst und zehn Tage dort bist, machst du vielleicht zwei bis drei Tage richtiges Training. Denn das Wetter kann schlecht sein, das Training wird abgesagt, ein paar Tage gehen für die Anreise drauf und so weiter. Es ist schwierig im Sommer. Wir hatten in der Mannschaft immer nur ein paar wenige Konditionstrainings. Man könnte im Sommer viel mehr machen.

Cuche: Das ist faszinierend. Ich hatte eine ganz andere Aufstellung. Ab 2001 hatte ich einen eigenen Kondi-Coach. Mit ihm machte ich 80–90% Konditionstraining und war immer mit ihm, praktisch nie mit der Mannschaft, unterwegs. Es schadet natürlich nicht, mit der Mannschaft zu trainieren, aber anders ist es spezifischer. Wenn du deine Schwächen trainieren willst, dann musst du einen Kondiplan haben, der gezielt nur für dich ist. Ich hatte nie das Gefühl, speziell von 2001 bis zum Ende, dass ich da sonst irgendwo noch viel Marge hätte mit dem ganzen Training. So gesehen hatte ich das sehr früh sehr professionell aufgestellt und das bis zum Schluss.

Ghedina: Ich sage, das ist schade für mich. Im Sommer hatten wir vielleicht 70 Tage Ski- und Konditionstraining zusammen mit der Mannschaft. Von diesen 70-80 Tagen waren 10 % Konditionstraining und 90 % waren auf Ski. Die anderen Tage, an denen man zuhause ist, hätten wir immer allein trainieren sollen. Aber es ist schwierig, allein zu trainieren. Ich hatte schon einen Trainer, der mir einen Plan erstellt hat, aber ich konnte selbst entscheiden, ob ich es mache oder nicht. Wenn du es nicht machst, dann hast du keine Kraft für den Winter. Und dann kommen die vielen Termine dazu… Die richtige Motivation zu finden, wenn du allein zuhause bist, war echt herausfordernd.

Fragen an Kristian Ghedina

2004 – Magic Moment der Skigeschichte: Mit 140 km/h – die berühmte Grätsche im Zielsprung – damals war Kristian Ghedina als Schnellster im Ziel mit 1.57.27. Endergebnis: Platz 6 für Kristian Ghedina und Platz 7 für Didier Cuche. Wenn ihr jetzt so nebeneinandersitzt, wie hast du, Kristian, dieses Rennen in Kitzbühel in Erinnerung? Du hast mit der Grätsche im Zielsprung dem damaligen Sieger Stephan Eberharter jedenfalls die Show gestohlen.

Ghedina: Ja, ich wurde nach dem Rennen gefragt, ob ich für die Preisverleihung noch dableiben könnte, denn sie hätten einen Spezialpreis für mich. Normalerweise sind ja nur die ersten Fünf bei der offiziellen Preisverteilung im Ziel dabei. Ich habe zu ihnen gesagt: „Aber ich bin ja Sechster, ich bin nicht bei der Preisverteilung dabei.“ „Aber wir möchten dich fragen, ob du hierbleiben kannst, wir haben etwas für dich.“ Ich hatte eigentlich schon gepackt. Denn als Sechster stehst du nicht auf dem Podest, dann ist es für dich vorbei und du denkst schon wieder ans nächste Rennen. Aber wir beschließen: „Okay, wir bleiben.“ Ich spürte, dass sich das Publikum wirklich gefreut hatte, dass ich dort war. Ich habe mehr Applaus bekommen als Stephan Eberharter. Normalerweise ist es für das Publikum ja die schönste Sache überhaupt, wenn ein Österreicher hier gewinnt. Ja, ich habe Eberharter wohl ein bisschen die Show gestohlen.

 

Woran erinnerst du dich am liebsten zurück?

Ghedina: An meinen Sieg. Es denken vielleicht alle, es wäre meine Grätsche. Aber die Grätsche war eigentlich eine Wette mit meinem Cousin. Ich war zufrieden, dass ich die Wette gewonnen hatte, aber ich war nur Sechster in diesem Rennen. Der erste Sieg in Kitzbühel war etwas Besonderes. Bis dahin hat noch kein Italiener die Streif gewonnen. Es war auch nicht mein bestes Rennen, denn eigentlich ist die Streif keine Abfahrt, die mir besonders liegt. Normalerweise bin ich ein Gleiter. Die Streif ist eher für technische Skifahrer.

Cuche: Ich muss hier noch etwas hinzufügen: Die Wette war nur um eine Pizza und ein Bier. (lacht)

 

Wie kam es zu deiner Zusammenarbeit mit UYN? Was gefällt dir an dieser Marke?
Ghedina:
Mir gefallen die Leute und der Chef. Marko Rhedini ist ein sehr energischer Mann. Meine Kollaboration hat mit der Skiunterwäsche begonnen und dann hat man mich gefragt, ob ich einen Vertrag mit der Bekleidung machen möchte. Aber ich hatte noch einen anderen Vertrag laufen, zwei bis drei Jahre. Dann habe ich gesagt: Ja, wenn ich fertig bin, kann man schauen, ob ich auch die Bekleidung mit euch mache. Und ja, dann habe ich nach ein paar Jahren auch hier einen Vertrag mit UYN gemacht und bin jetzt Testimonial für Unterwäsche und Bekleidung. Es ist eine schöne Firma mit einer feinen Truppe. Ich war schon ein paar Mal dort in Asola. UYN denkt an das, was wichtig ist, dass alles natürlich und biologisch ist, nachhaltig, weg vom Plastik und so weiter.

Fragen an Didier Cuche

Die letzte Hahnenkammabfahrt deiner Profi-Skikarriere war schon etwas Besonderes, oder? Du gabst 2012, wenige Tage vor den Hahnenkamm-Rennen, das Ende deiner professionellen Skikarriere bekannt. Kurz darauf kröntest du dich zum „König der Streif“ – mit deinem insgesamt fünften Sieg in Kitzbühel. Es muss ein emotionales Erlebnis gewesen sein, oder?

Cuche: Mir bleibt der ganze Prozess in Erinnerung: Zwei Tage vor dem Rennen gab ich bekannt, dass ich nach der Saison aufhören werde. Eine Woche zuvor wusste ich noch nicht, dass ich aufhören würde. Ich war im Ziel in Wengen, am Lauberhorn, hatte ein schlechtes Rennen gefahren. Ich wollte eigentlich aufs Podest oder gewinnen. Ich war dort nur dreimal Zweiter. Ich war dann also im Ziel, war enttäuscht von meinem Rennen und nach einer Stunde habe ich gemerkt, dass ich eigentlich traurig war, weil ich realisiert hatte, dass ich nie mehr am Lauberhorn-Start stehen werde. Dann gingen die ganzen Überlegungen los. Als erstes habe ich mit dem Kondi-Coach gesprochen. Dann, bei der Anreise hierher, habe ich die ganze Familie informiert. Schließlich bauten wir die komplette Pressekommunikation auf. Für mich war klar, ich wollte es vor dem Hahnenkamm-Rennen öffentlich machen, weil ich nicht abhängig sein wollte vom Resultat am Samstag und dann doch nochmal irgendwie umschwenken könnte, doch weiterzumachen. Und am Samstag würde es sowieso keinen Sinn machen, irgendeine Pressekommunikation zu machen. Da ist Rennen, da ist sonst so viel los. Ich wollte nicht im Ziel sein und wenn ich gewonnen hätte, denken, dass ich weitermache oder wenn ich nicht gewonnen hätte, hätte ich gedacht, so will ich es nicht enden lassen, ich komme wieder. Deshalb habe ich es vor dem Rennen gemacht. Insgesamt – vom Samstag am Lauberhorn bis Samstag in Kitzbühel mit dem fünften Sieg – war es eine Achterbahnfahrt der Emotionen: Enttäuschung, Traurigkeit, Wahrnehmung, dass Ende des Winters alles fertig ist, und dann noch mit der offiziellen Aussage vor dem Rennen und schließlich der Sieg am Samstag. Wenn ich ein Drehbuch schreiben hätte können, hätte ich es nicht anders geschrieben.

 

Medien schreiben, dass dein Siegeslauf von 2011 der vielleicht beeindruckendste Lauf in der Geschichte der Streif war. Du hast das Publikum in ehrfürchtigem Staunen zurückgelassen. Was sagst du dazu?

Cuche: Ja, ich habe in den Medien schon oft gelesen, dass es immer ein Battle zwischen der Fahrt von Stephan Eberharter im Jahr 2004 und meiner von 2011 sei. Es war jedenfalls beeindruckend. Wenn man bedenkt, dass Eberharter da mit über einer Sekunde Vorsprung im Ziel war. Die Körpersprache und die Art und Weise, wie er da gefahren ist – genial. Ich glaube, er hat danach aufgehört. Aber im Nachhinein, also nach dieser Saison habe ich mir dieses Rennen von ihm nochmal angeschaut und habe mich später auch inspirieren lassen von dieser Abfahrt von Stephan. Speziell vom Hausberg bis ins Ziel. Da war er so kompromisslos. Ich dachte, anders geht‘s nicht. Noch besser und noch frecher geht‘s nicht. Und an seiner Körpersprache hat man irgendwie gemerkt, der will diesen Sieg. Vielleicht war es so, weil er wusste, dass er hier nicht mehr fahren würde. Keine Ahnung, aber ja, es ist immer schön, wenn positive Kommentare kommen über diese Fahrt von mir. Ich habe jedenfalls eine innere Freude gespürt.

 

Wie lange hat es gedauert, bis du den Ski-Flip perfektioniert hattest? Wie kam es dazu?
Cuche: Zu dem gekommen bin ich im Januar 2002 in Adelboden. Da habe ich mit über einer Sekunde Vorsprung gewonnen. Und in der Aufregung im Ziel hab‘ ich die Hinterbacke aufgemacht und ich wollte den Ski eigentlich vor mir so schieben – und im Jubel darin habe ich den Kick mit dem Fuß so stark gemacht, dass der Ski einen Flip gemacht hat. Das war eigentlich nur aus Versehen. (lacht) Realisiert habe ich es auch erst zwei bis drei Tage später, als ich mir das Video nochmal angeschaut habe. Dann habe ich ein paar Mal ohne Kamera geübt. Aber das ging dann relativ schnell relativ gut und dann ist es zur Trademark für mich geworden. Am Anfang habe ich es nur gemacht, wenn ich schnell war und dann am Ende habe ich gemerkt, dass die Leute es von mir verlangt haben im Ziel. Die haben nach dem gerufen. Gott sei Dank war ich am Schluss von der Karriere ziemlich konstant, dass ich das immer zeigen konnte. Es ist ein bisschen ein Zufall gewesen.

Ghedina: Ich habe es heute auch dreimal probiert. Beim ersten Mal ist es nicht gut gegangen, da habe ich den Ski verloren, aber dann beim dritten Mal hat es gut funktioniert.

 

Im alten Starthaus stand ein Spruch: „Ich glaube, wir spinnen, weil wir da runterfahren.“ Kam der von dir?
Cuche: Ich bin sicher nicht der einzige, der das denkt. Kann sein, dass ich so einen Spruch rausgelassen habe. Aber bei meiner allerersten Fahrt im Training 1996 sind von den ersten fünf vier gestürzt und drei mussten mit dem Helikopter abtransportiert werden. Da war beim Zielsprung etwas nicht gut. Es dauerte unglaublich lang, bis wir wieder gestartet sind und ich hatte die Nummer 40. Ich dachte: „Wie soll ich das überleben, wenn die Besten der Welt alle eine auf die Nase kriegen?“ Das war kein schönes Gefühl für mich zum Starten. Ich bin dann resigniert gestartet, bin dann, mit einem Umweg wie Bode Miller auf dem Netz, mit 8,5 Sekunden Rückstand ins Ziel gekommen. Ich war sicherlich der Letzte, aber nach der Ziellinie riss ich die Arme hoch wie ein Sieger. Das war vielleicht mein erster Erfolg in Kitzbühel.

Bei uns war es ein bisschen Tradition, wenn Neue ins Team gekommen waren, dass sie diesen Spruch beim Abendessen am Tag davor hören mussten: „Wir hoffen, du hast nicht zu viel ausgepackt, weil wir wollen nicht alles für dich wieder zusammenpacken müssen, wenn du ins Krankenhaus gehst.“ Ich musste diesen Spruch natürlich auch hören. Da waren viele solche Sprüche. Aber der war in vielen Nationen ein „Running-Gag“.

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